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ADHS-Glossar, Fachbegriffe verständlich erklärt
Hier findest du die wichtigsten Begriffe rund um ADHS, von A bis Z, verständlich erklärt. Kein Fachchinesisch, keine Verwirrung, nur klare Antworten.
Warum dieses Glossar?
Arztgespräche, Fachbücher, Online-Foren, Selbsthilfegruppen, wer sich mit ADHS beschäftigt, begegnet schnell Begriffen, die man nicht kennt. Was ist der Unterschied zwischen ADS und ADHS? Was bedeutet RSD? Ist Hyperfokus dasselbe wie Motivation? Was hat Masking mit ADHS zu tun?
Dieses Glossar sammelt die wichtigsten Begriffe und erklärt sie so, wie ich sie selbst gerne früher erklärt bekommen hätte, verständlich, ohne Vereinfachung, aber auch ohne unnötige Komplexität. Es wächst mit der Zeit. Wenn ein Begriff fehlt, melde dich gerne.
A
- ADS Aufmerksamkeitsdefizit-Störung
- Veralteter Begriff für ADHS ohne ausgeprägte Hyperaktivität. Heute spricht man korrekt von ADHS-I (vorwiegend unaufmerksamer Typ). Das Kürzel ADS taucht in älteren Büchern und Diagnosen noch häufig auf, ist jedoch offiziell nicht mehr Teil der aktuellen Klassifikationssysteme ICD-11 und DSM-5. Der Begriff beschreibt Betroffene, die nach außen hin ruhig wirken, aber innerlich mit Konzentrations- und Organisationsproblemen kämpfen.
- ADHS Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
- Neurobiologische Entwicklungsstörung mit den Kernsymptomen Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität, in unterschiedlicher Ausprägung. ADHS ist keine Erfindung und keine Modediagnose: Weltweit sind etwa 5–7 % der Kinder und 2–5 % der Erwachsenen betroffen. Die Störung ist genetisch mitbedingt und hat nichts mit schlechter Erziehung oder Disziplinlosigkeit zu tun. Grundlage ist eine Dysregulation von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn.
- ADHS-C Combined Type
- Der kombinierte Subtyp von ADHS, bei dem sowohl deutliche Unaufmerksamkeit als auch Hyperaktivität/Impulsivität vorliegen. ADHS-C ist der am häufigsten diagnostizierte Typ, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Im DSM-5 wird er als "Combined Presentation" bezeichnet. Für eine Diagnose müssen mindestens 6 Symptome aus beiden Kategorien (Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität) seit mindestens 6 Monaten vorhanden sein.
- ADHS-HI Vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ
- Subtyp, bei dem Hyperaktivität und Impulsivität überwiegen, während Unaufmerksamkeit weniger ausgeprägt ist. Dieser Typ wird seltener diagnostiziert als ADHS-C. Er ist häufiger bei jüngeren Kindern und bei Jungen zu beobachten. Betroffene fallen oft durch motorische Unruhe, Zappeln, Dazwischenreden und Schwierigkeiten beim Abwarten auf.
- ADHS-I Vorwiegend unaufmerksamer Typ
- Subtyp, bei dem Unaufmerksamkeit dominiert und Hyperaktivität kaum vorhanden ist. Früher als "ADS" bezeichnet. ADHS-I wird häufig übersehen, besonders bei Mädchen und Frauen, weil die Betroffenen nach außen hin ruhig wirken. Typische Merkmale: Vergesslichkeit, Schwierigkeiten beim Organisieren, leichte Ablenkbarkeit durch Gedanken (nicht nur äußere Reize), häufiges Verlegen von Gegenständen.
- Amphetamine
- Gruppe von psychoaktiven Substanzen, zu der auch ADHS-Medikamente wie Lisdexamfetamin (Elvanse) und Dextroamphetamin (Attentin) gehören. Amphetamine erhöhen die Ausschüttung und hemmen die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin im Gehirn. Bei ADHS wirken sie paradox beruhigend und fokussierend. In Deutschland unterliegen sie dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) und dürfen nur auf BtM-Rezept verschrieben werden.
- Atomoxetin
- Wirkstoff der Klasse der selektiven Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI), der zur Behandlung von ADHS eingesetzt wird. Bekannter Handelsname: Strattera. Atomoxetin ist kein Stimulanz und kein Betäubungsmittel, es hat daher kein Missbrauchspotenzial. Die volle Wirkung setzt erst nach 4–6 Wochen ein. Besonders geeignet für Menschen mit Substanzmissbrauchs-Vorgeschichte oder wenn Stimulanzien nicht vertragen werden.
- AuDHS
- Kunstbegriff aus der Betroffenen-Community für Menschen, bei denen sowohl eine Autismus-Spektrum-Störung (AuS) als auch ADHS diagnostiziert wurde. AuDHS ist keine offizielle Diagnose, aber eine nützliche Kurzform, um das gemeinsame Auftreten beider neurodivergenter Zustände zu beschreiben. Schätzungen zufolge hat ein erheblicher Anteil der Autisten auch ADHS, und umgekehrt. Die Symptome beider Zustände können sich überlappen oder gegenseitig verstärken.
B
- Begleiterkrankung Komorbidität
- Eine Erkrankung, die gleichzeitig mit ADHS auftritt. Bei ADHS sind Komorbiditäten die Regel, nicht die Ausnahme: Schätzungsweise 60–80 % der Betroffenen haben mindestens eine Begleiterkrankung. Häufige Komorbiditäten sind Depression, Angststörungen, Schlafstörungen, Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS), Legasthenie, Dyskalkulie und Substanzgebrauchsstörungen. Die Komorbiditäten müssen oft separat behandelt werden.
C
- Conduct Disorder Störung des Sozialverhaltens
- Psychiatrische Diagnose, die durch wiederholtes, anhaltendes aggressives und delinquentes Verhalten gekennzeichnet ist. Conduct Disorder tritt häufig als Komorbidität bei ADHS auf, besonders beim hyperaktiv-impulsiven Typ. Sie unterscheidet sich von einfacher Hyperaktivität durch die Schwere der Verhaltensauffälligkeiten und den sozialen Schaden, den sie anrichtet. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung beider Störungen ist wichtig.
D
- DIVA Diagnostic Interview for ADHD in Adults
- Strukturiertes diagnostisches Interview, das speziell für die ADHS-Diagnose bei Erwachsenen entwickelt wurde. Es fragt systematisch nach ADHS-Symptomen im Erwachsenenalter und in der Kindheit (Retrospektive). DIVA 2.0 und DIVA 5.0 sind häufig eingesetzte Versionen. Das Interview basiert auf den DSM-Kriterien und hilft Ärzten, alle diagnostischen Bereiche strukturiert abzufragen. Es ist kein Selbsttest, sondern ein Leitfaden für Fachleute.
- Dopamin
- Neurotransmitter (Botenstoff) im Gehirn, der eine zentrale Rolle bei Motivation, Belohnung, Aufmerksamkeit und Handlungsplanung spielt. Bei ADHS ist die Dopaminregulation gestört: Im Belohnungssystem steht weniger Dopamin zur Verfügung oder die Rezeptoren reagieren weniger sensibel darauf. Das erklärt, warum Menschen mit ADHS besonders stark auf sofortige Belohnungen reagieren (sofortige Belohnungserwartung) und warum langfristige Aufgaben so schwer fallen. ADHS-Medikamente erhöhen die Dopaminverfügbarkeit im Gehirn.
- DSM-5 Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 5th Edition
- Das amerikanische Klassifikationssystem für psychische Störungen, herausgegeben von der American Psychiatric Association (APA). Es ist weltweit das am häufigsten verwendete Diagnosesystem, auch in Deutschland, oft ergänzend zum ICD. Im DSM-5 sind für eine ADHS-Diagnose bei Erwachsenen mindestens 5 (statt 6 bei Kindern) Symptome aus der Unaufmerksamkeits- oder Hyperaktivitäts-/Impulsivitätsliste erforderlich, die seit mindestens 6 Monaten bestehen.
- Dysphorie
- Zustand allgemeinen Unwohlseins, emotionaler Gereiztheit oder tiefer Unzufriedenheit, das Gegenteil von Euphorie. Bei ADHS tritt Dysphorie häufig auf: als kurze, intensive Stimmungstiefs, als Reaktion auf Frustration (Frustrationsintoleranz) oder als Teil der emotionalen Dysregulation. Dysphorie ist auch ein Merkmal von RSD (Rejection Sensitive Dysphoria). Zu unterscheiden ist sie von einer klinischen Depression, auch wenn beide koexistieren können.
E
- Emotionale Dysregulation
- Schwierigkeit, emotionale Reaktionen in ihrer Intensität und Dauer zu regulieren. Bei ADHS ist emotionale Dysregulation eines der häufigsten, aber am wenigsten bekannten Merkmale, und oft die größte Belastung im Alltag. Betroffene erleben Gefühle intensiver und schneller als andere, haben mehr Schwierigkeiten, sich zu beruhigen, und werden von anderen als "überreagierend" wahrgenommen. Emotionale Dysregulation ist eng verwandt mit RSD und Frustrationsintoleranz.
- Exekutivfunktionen
- Sammelbegriff für kognitive Steuerungsfunktionen des Gehirns, die im präfrontalen Kortex angesiedelt sind. Dazu gehören: Planung und Organisation, Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeitskontrolle, Impulshemmung, emotionale Regulation, Zeitwahrnehmung und mentale Flexibilität. ADHS ist im Kern eine Beeinträchtigung der Exekutivfunktionen, deshalb fällt es Betroffenen so schwer, Aufgaben zu starten, Prioritäten zu setzen und Pläne umzusetzen, obwohl das Wissen und die Intelligenz vorhanden sind.
H
- Hyperfokus
- Zustand intensiver, fast tunnelartiger Konzentration auf eine Aufgabe oder ein Thema, das als besonders interessant oder bedeutsam wahrgenommen wird. Beim Hyperfokus vergessen Betroffene Zeit, Hunger, Müdigkeit und soziale Verpflichtungen, manchmal stundenlang. Hyperfokus ist paradox: Er zeigt, dass ADHS keine grundsätzliche Unfähigkeit zur Konzentration ist, sondern ein Problem der Regulation. Der Unterschied zu normaler Motivation: Hyperfokus ist unkontrollierbar, man kann ihn nicht einschalten, wenn man ihn bräuchte.
I
- ICD-11 International Classification of Diseases, 11th Revision
- Das internationale Klassifikationssystem für Krankheiten und Gesundheitsprobleme der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Im ICD-11 ist ADHS unter dem Code 6A05 klassifiziert als "Attention Deficit Hyperactivity Disorder". Es unterscheidet ebenfalls verschiedene Präsentationen (vorwiegend unaufmerksam, vorwiegend hyperaktiv-impulsiv, kombiniert). Das ICD-11 ist seit 2022 offiziell in Kraft und wird schrittweise in Deutschland eingeführt. Die vorherige Version ICD-10 verwendete noch den Begriff "Hyperkinetische Störung".
- Impulsivität
- Eines der drei Kernsymptome von ADHS: die Tendenz, ohne ausreichende Überlegung zu handeln, zu sprechen oder zu reagieren. Impulsivität äußert sich als Dazwischenreden, Ungeduld beim Warten, impulsive Einkäufe, überhastete Entscheidungen oder emotionale Ausbrüche. Impulsivität ist nicht Absicht oder Rücksichtslosigkeit, sie entsteht durch eine verminderte Impulshemmung im präfrontalen Kortex. Im Erwachsenenalter kann Impulsivität zu Problemen in Beziehungen, Finanzen und am Arbeitsplatz führen.
K
- Komorbidität
- Das gleichzeitige Vorliegen von zwei oder mehr Erkrankungen oder Störungen bei einer Person. Bei ADHS sind Komorbiditäten außerordentlich häufig. Zu den häufigsten gehören: Depression und Dysthymie, Angststörungen (generalisierte Angst, soziale Phobie), Schlaf-Wach-Störungen, Suchterkrankungen, Legasthenie und Dyskalkulie, Tic-Störungen sowie emotionale Instabilität (Borderline-Züge). Die Unterscheidung zwischen ADHS-Symptomen und Komorbiditätssymptomen ist für eine gute Behandlung entscheidend. Siehe auch: Begleiterkrankung.
L
- Lisdexamfetamin Elvanse / Vyvanse
- Langwirksames Stimulanz zur Behandlung von ADHS, das in Deutschland unter dem Markennamen Elvanse bekannt ist. Lisdexamfetamin ist ein sogenanntes Prodrug: Es ist selbst inaktiv und wird erst im Körper durch Enzyme zu Dextroamphetamin umgewandelt. Diese Eigenschaft sorgt für einen gleichmäßigeren Wirkverlauf ohne starke Peaks, und reduziert das Missbrauchspotenzial im Vergleich zu reinen Amphetaminen. Die Wirkdauer beträgt 12–14 Stunden. Elvanse unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz.
M
- Masking auch: Camouflaging
- Strategie, bei der ADHS-Betroffene ihre Symptome aktiv verbergen, kompensieren oder imitieren, um als "normal" zu gelten und soziale Ablehnung zu vermeiden. Masking kostet enorm viel Energie und führt langfristig zu Erschöpfung, Identitätsverlust und psychischen Problemen (z. B. Burnout, Depression). Masking ist besonders häufig bei Mädchen und Frauen, was erklärt, warum ADHS bei ihnen so oft spät oder gar nicht diagnostiziert wird. Auch bei AuDHS-Betroffenen (Autismus + ADHS) ist Masking stark ausgeprägt.
- Methylphenidat MPH, z. B. Ritalin, Concerta, Medikinet
- Das am häufigsten eingesetzte Stimulanz zur ADHS-Behandlung. Methylphenidat hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin im synaptischen Spalt und erhöht so deren Verfügbarkeit im Gehirn. Es gibt kurzwirksame Formen (4–6 Stunden) und retardierte Formen (8–12 Stunden). Bekannte Handelsnamen: Ritalin (kurz), Ritalin LA (retardiert), Concerta (retardiert), Medikinet und Medikinet adult. Methylphenidat ist seit Jahrzehnten gut erforscht und gilt als sicher bei bestimmungsgemäßem Gebrauch.
N
- Neurodiversität
- Konzept und Bewegung, die neurologische Unterschiede zwischen Menschen, darunter ADHS, Autismus, Legasthenie, Dyskalkulie und Tourette-Syndrom, als natürliche Variationen des menschlichen Gehirns betrachtet, nicht als Defekte. Neurodiversität bedeutet nicht, dass es keine Herausforderungen gibt oder dass Behandlung unnötig ist. Es bedeutet, dass neurodivergente Menschen in einer Welt, die oft auf neurotypische Bedürfnisse ausgerichtet ist, andere Unterstützung, Strukturen und Akzeptanz brauchen.
- Neurobiologie
- Wissenschaft, die sich mit dem Nervensystem und dessen Funktionsweise beschäftigt. Im Kontext von ADHS bezieht sich "Neurobiologie" auf die biologischen Grundlagen der Störung: Unterschiede in der Gehirnstruktur (z. B. kleinerer präfrontaler Kortex, verzögerte Hirnreifung), Neurotransmitter-Dysregulation (Dopamin, Noradrenalin) und genetische Faktoren. Die neurobiologische Sichtweise unterstreicht: ADHS ist keine Frage des Wollens oder der Erziehung, sondern eine Frage der Gehirnfunktion.
- Noradrenalin Norepinephrin
- Neurotransmitter und Hormon, das neben Dopamin eine zentrale Rolle bei ADHS spielt. Noradrenalin ist wichtig für Wachheit, Aufmerksamkeit, Konzentration und das Arbeitsgedächtnis. Eine gestörte Noradrenalin-Regulation im präfrontalen Kortex trägt wesentlich zur ADHS-Symptomatik bei. Sowohl Stimulanzien (Methylphenidat, Amphetamine) als auch Nicht-Stimulanzien (Atomoxetin, Guanfacin) greifen in das Noradrenalin-System ein.
P
- Präfrontaler Kortex
- Der vordere Bereich des Großhirns, der für Planung, Entscheidungsfindung, Impulskontrolle und das Arbeitsgedächtnis zuständig ist, also die Schaltzentrale der Exekutivfunktionen. Bei ADHS ist der präfrontale Kortex im Durchschnitt kleiner und reift langsamer als bei neurotypischen Menschen. Diese Hirnregion entwickelt sich beim Menschen erst mit etwa 25 Jahren vollständig. Bei ADHS kann diese Reifung um 3–5 Jahre verzögert sein.
- Prokrastination
- Das wiederholte Hinauszögern von Aufgaben oder Entscheidungen, obwohl man weiß, dass es negative Konsequenzen hat. Prokrastination ist bei ADHS ein sehr häufiges Problem, und kein Zeichen von Faulheit. Sie entsteht durch Exekutivfunktionsstörungen, Zeitblindheit, Schwierigkeiten beim Starten von Aufgaben (Task Initiation) und die Vermeidung von unangenehmen Empfindungen. Der Unterschied zu normaler Prokrastination: Bei ADHS ist sie hartnäckiger, belastender und schwerer durch guten Willen allein zu überwinden.
R
- RSD Rejection Sensitive Dysphoria
- Extreme emotionale Empfindlichkeit gegenüber wahrgenommener oder tatsächlicher Kritik, Ablehnung oder dem Gefühl, zu versagen. RSD wurde von dem Psychiater William Dodson geprägt und ist noch kein offizielles Diagnosekriterium in DSM-5 oder ICD-11, aber unter Betroffenen und ADHS-Fachleuten weitgehend anerkannt. Die Intensität kann überwältigend sein, Betroffene beschreiben den Schmerz als körperlich. RSD kann zu sozialem Rückzug, übertriebener Anpassung (People-Pleasing) und Vermeidungsverhalten führen.
- Rebound-Effekt
- Vorübergehende Verschlechterung von ADHS-Symptomen oder Stimmungsschwankungen, wenn kurz wirksame Stimulanzien (z. B. Methylphenidat) nachlassen. Der Rebound tritt typischerweise 1–2 Stunden nach Abklingen der Wirkung auf und äußert sich als Reizbarkeit, Überaktivität oder Erschöpfung. Er ist besonders bei kurzwirksamen Präparaten ausgeprägt und kann durch Retardformulierungen oder eine niedrige Abenddosis reduziert werden.
S
- Stimulanzien
- Klasse von Medikamenten, die das Zentralnervensystem aktivieren und bei ADHS paradoxerweise beruhigend und fokussierend wirken. Zu den zugelassenen ADHS-Stimulanzien in Deutschland gehören Methylphenidat (Ritalin, Concerta, Medikinet), Lisdexamfetamin (Elvanse) und Dextroamphetamin (Attentin). Stimulanzien sind die am besten erforschten und wirksamsten Medikamente bei ADHS. Sie unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz. Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch ist das Abhängigkeitsrisiko bei echter ADHS gering.
- Sensory Processing Sensitivity SPS / Hochsensibilität
- Eigenschaft, bei der sensorische Eindrücke (Geräusche, Licht, Berührungen, Gerüche) intensiver wahrgenommen und verarbeitet werden. Hochsensibilität und ADHS überschneiden sich häufig, es handelt sich aber um unterschiedliche Konzepte. Manche Menschen mit ADHS sind hochsensibel, andere nicht. Hochsensibilität ist keine Diagnose, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Sie kann zum Verständnis von Reizüberflutung, Rückzugsbedarf und emotionaler Intensität bei ADHS beitragen.
T
- Task Initiation Aufgabenbeginn
- Die Fähigkeit, eine Aufgabe zu starten, besonders wenn sie uninteressant, überwältigend oder unklar ist. Task Initiation ist eine Exekutivfunktion, die bei ADHS häufig beeinträchtigt ist. Das Ergebnis ist das klassische "Ich weiß, dass ich anfangen muss, aber ich kann einfach nicht anfangen". Dieses Phänomen ist kein Willensproblem, sondern ein neurobiologisches: Ohne ausreichend Dopamin-Stimulus greift das Handlungssystem des Gehirns nicht an.
Z
- Zappelphilipp
- Figur aus dem Kinderbuch "Der Struwwelpeter" (1845) von Heinrich Hoffmann, die als kulturelle Personifizierung von ADHS-ähnlichem Verhalten gilt. Der Zappelphilipp kann beim Tisch nicht stillsitzen, schaukelt auf seinem Stuhl und reißt am Ende die Tischdecke herunter. Der Begriff wird gelegentlich umgangssprachlich für Kinder mit ADHS verwendet, aus wissenschaftlicher und sozialer Sicht ist er jedoch problematisch, weil er das Bild eines nervigen, disziplinlosen Kindes zeichnet und nicht die neurobiologische Realität von ADHS widerspiegelt.
- Zeitblindheit
- Schwierigkeit, Zeit realistisch wahrzunehmen, einzuschätzen und sich an zukünftige Ereignisse oder Deadlines zu erinnern, ein typisches und häufig stark belastendes ADHS-Merkmal. Der Begriff wurde maßgeblich von dem Psychologen Russell Barkley geprägt. Zeitblindheit führt zu chronischem Zuspätkommen, Unterschätzen von Aufgabendauer, vergessenen Terminen und dem Gefühl, dass Zeit entweder "jetzt" oder "nicht jetzt" ist. Analoguhren, Timer und externe Erinnerungssysteme können helfen, die fehlende innere Zeitwahrnehmung zu kompensieren.
Quellen & weiterführende Informationen
- AWMF-Leitlinien zu ADHS (Register-Nr. 028-045) – Wissenschaftliche Grundlage für Diagnose und Behandlung
- ADHS Deutschland e. V. – Selbsthilfeverband mit Informationen für Betroffene und Angehörige
- ICD-11 der WHO, ADHS (6A05) – Internationale Klassifikation der Erkrankungen
- DSM-5 der American Psychiatric Association – Amerikanisches Diagnosemanual
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